Dienstag, 03. Februar 2026

München-Fahrt von Mathis Wichert

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München.

Eine der wenigen deutschen Großstädte, in denen ich noch nie zuvor großartig zu Besuch war.

Entsprechend wenig eigene Bilder hatte ich dazu im Kopf. Klar, ich wusste schon das eine oder andere, aber als ich das erste Mal am Stachus die Rolltreppe der S-Bahn-Station hochgefahren bin, hatte ich einiges erwartet, nur nicht das, was ich sah.

Aber von vorne: Die fünftägige Fahrt vom 06.10.2025 bis 10.10.2025 für 17 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrer, Fr. Wilhelm und Hr. Walter, begann als wohl entspannteste der vier Studienfahrten der „MSS12“ in diesem Herbst mit nur drei Stunden Zugfahrt im ICE, wir waren etwa um 13:00 Uhr da und sind, nach einem kurzen Stopp im Hotel, zu einer Stadtführung im grauen, nass-kalten Wetter aufgebrochen. Und die begann eben am Stachus.

Ich habe mich irgendwie wie in den Goldenen Zwanzigern gefühlt: Zwei wunderbare, neoklassizistische Bauten, die einen halbkreisförmigen Platz umgaben, beide geziert von zwei originalen Leuchtreklamen mit den Titel: „OSRAM – Hell wie der lichte Tag“. Dazwischen das schlichte Karlstor.

Nur ein Beispiel dafür, wie München noch heute seine Rolle als multikulturelle Großstadt und Verkehrsknotenpunkt der Goldenen Zwanziger atmet.

Die Stadtführung selbst war dann zugegebenermaßen sehr interessant, man hat gleich zu Anfang einen generellen Überblick über alle historisch wichtigen Orte gekriegt und konnte sich schon früh daran machen, die eigene Freizeitgestaltung zu planen.

Für mich hieß das an diesem Abend Essen bei einem Vietnamesen, den mir eine entfernte Bekannte aus München empfohlen hat, und ein Besuch bei Schloss Nymphenburg, in dessen stockdunklem und vollkommen verlassenem Garten ich mich fast verirrt und dann auch noch selber eingesperrt hätte. Die Kurzfassung: Ich hab’s rausgeschafft und bin zurück zum Hotel, für diesen Tag war’s das für mich.

Am nächsten ging es dann in die Konzernzentrale des, überhaupt nichts mit Menschenrechtsverletzungen in Kobaltminen in Marokko zu tun habenden, Automobilkonzerns BMW, wo wir in der Theorie einen Kurs über nachhaltige Mobilität gebucht und in der Praxis zwei Stunden lang Spielzeugautos gebaut haben, bei denen es darum ging, keinen Müll, wie Papier, Pappe oder Holz zu produzieren. Ich sage es mal so: Süß, besonders für einen Haufen 16- und 17-Jähriger und mit einem wirklich ganz expliziten Fokus darauf, wie große Automobilkonzerne in der Realität Nachhaltigkeit und gleichzeitig Wettbewerbsfähigkeit im Kapitalismus erhalten können.

Ich hoffe, jede Person, die den letzten Nebensatz liest, erkennt ihn als Sarkasmus, für alle anderen: Es handelt sich beim letzten Nebensatz übrigens um Sarkasmus.

Danach war für den Rest des Tages Freizeit, man konnte jedoch mit den beiden Lehrkräften mitgehen, um sich das ehemalige Konzentrationslager in Dachau und die dortige Gedenkstätte anzusehen.

Ich will ja nicht sagen, dass ich es schon einmal gesagt hätte, aber ich habe es schon einmal gesagt und würde es an dieser Stelle auch wieder tun. Nur so viel: Ich war der einzige Schüler, beziehungsweise die einzige Schülerin, die, beziehungsweise der, mit nach Dachau gefahren ist. Wer einen Exkurs darin haben möchte, warum das so war, kann gerne auf der Website des LMG meinen Artikel über unseren Besuch in Natzweiler-Struthof von vor etwa vier Monaten zu Rate ziehen.

Jedenfalls war ich mit den beiden Lehrkräften alleine dort und bin dort auch alleine herumgezogen. Diesmal hatte ich alle Zeit der Welt und so bin ich erst mal in aller Ruhe durch das sehr eindrücklich gestaltete und ausführliche Museum und danach durch eine der zwei noch erhaltenen Baracken, in denen Sozialisten und Sozialistinnen, Demokraten und Demokratinnen, Juden und Jüdinnen und viele weitere zu hunderten gefangen gehalten wurden, gelaufen, bevor ich mir noch das Krematorium auf der anderen Seite des riesigen Areals angesehen habe. Ein unheimlicher Ort, ganz besonders, wenn man durch die, heute von hohen Nadelbäumen flankierte, mittlere Straße, an der sich früher die Baracken anreihten, läuft und sich vor Augen ruft, dass dies der Prototyp für alle anderen Konzentrationslager, die nach der Stätte in Dachau folgen sollten, war. Ich möchte mich diesmal nicht auf die Zahlen und Fakten hinsichtlich dieses grauenvollen Ortes stürzen, da ich sonst zu sehr abschweifen würde, wer sich jedoch informieren möchte, kann dies sowohl auf der Website der KZ-Gedenkstätte, als auch auf der Website des NS-Dokumentationszentrums in München tun.

Den Rest des Tages, am Nachmittag war ich wieder in der Stadt, habe ich dann damit zugebracht, mir die Innenstadt noch weiter anzusehen. An diesem Abend kein großartiges Essen, nur Sushi und Gyoza vom Rewe. Und selbst das schmeckt in München irgendwie hochwertig. Generell hat diese Stadt etwas demonstrativ Prachtvolles und Qualitatives, was im krassen Gegensatz zu Städten, wie Saarbrücken, Ludwigshafen und Mannheim, mit denen ich großgeworden bin, steht. Alles wirkt irgendwie ein Stückchen weit perfekter, herausgeputzter, ordentlicher.

So auch am nächsten Tag.

Wir hatten zwei Termine und der erste hat mich komplett umgehauen: Ein Besuch in der Allianz-Arena des FC Bayern München, der selbst mich als Fan von Holstein Kiel, Werder Bremen und St. Pauli beeindruckt hat. Natürlich wird sie ihrem Spitznamen „Arroganz-Arena“ gerecht, trotz alledem ist sie ein unfassbar imposantes Bauwerk und eine technische und architektonische Meisterleistung. Ich muss sogar wirklich gestehen, als wir begleitet von der „Champions League“-Hymne durch den Spielertunnel auf das Feld gelaufen sind, konnte man mir das Grinsen kaum aus dem Gesicht wischen. So in etwa muss es sich also für Stars, wie Lina Magull oder Harry Kane anfühlen, beziehungsweise angefühlt haben, ihr Spielfeld zu betreten. Die gleiche Umkleidekabine, wie einst von Robert Lewandowski, der gleiche Sitz auf der Ersatzbank am Spielfeldrand, wie aktuell von Vincent Kompany. Schon wirklich beeindruckend. Ich hatte eigentlich vor, während dieser Führung zu fragen, warum der FC Bayern München Geschäfte mit Sponsoren aus Staaten, die Menschenrechte mit Füßen treten, macht, oder, warum sich der Verein in seinem Museum hinter dem durchaus fragwürdigen Image des „Judenklubs im Nationalsozialismus“, eines Narrativs, das schon längere Zeit ausgeräumt ist, versteckt; siehe beispielsweise Wilhelm Neudecker, von 1962 bis 1979 Bayern-Präsident und im nationalsozialistischem Regime Mitglied bei der SS, oder Joseph Kellner, unter den Nationalsozialisten von 1938 bis 1943 Bayern-Präsident und erwiesenermaßen an der Brandschatzung und Plünderung mindestens einer Synagoge beteiligt. Auch hier kann übrigens eine eigene Recherche nicht schaden. Stattdessen habe ich es gegenüber unserem Guide, einem sehr freundlichen, älteren Herrn, nur als mein eigentliches Vorhaben, dass ich nicht umsetzen könnte, angesprochen, unter anderem auch, weil wir das Museum des Clubs im Stadion, in dem eben die Vergangenheit nicht korrekt aufgearbeitet wird, überhaupt nicht besucht haben. Trotzdem waren Reaktionen von ihm, wie „Beim FC Bayern ist alles transparent.“ oder „Der FC Bayern war ja ein Judenklub.“ aussagekräftig genug, um meine Theorie der kollektiven Verdrängung der Geschichte des Vereins durch den Verein zu bestätigen.

Den zweiten Termin des Tages am Nachmittag, einen Besuch in einem Kletterpark habe ich ausfallen gelassen und mich stattdessen im Hotel ausgeruht, später hat man mir nur gesagt, dass das ganze wohl ziemlich unterhaltsam war und irgendwie mit einer 30 Meter hohen Kletterwand an der Seite eines Hochhauses zusammenhing. Diesen Abend gab es dann übrigens wieder Essen in einem Restaurant, einem Italiener von wirklich wunderbarer Qualität mitten in der Altstadt, keine 100 Meter vom Marienplatz entfernt. Damit ging dann auch der Mittwoch zu Ende.

Am Donnerstag, dem letzten Tag mit Programm in München ging es wieder einmal hinaus aus der Stadt, diesmal nach Garching und zum dortigen Zweig der Universität, unter anderem mit dem „Max Planck-Institut für extraterrestrische Physik“, sowie anderen wahrhaft heiligen Hallen der Wissenschaft. Wir hatten einen Eintritt ins Museum und Planetarium des Sitzes der „Europäischen Südsternwarte“, „ESO“, gebucht und ich persönlich hatte sehr viel Spaß an diesem Besuch, besonders das Planetarium und die dortige, einstündige Show haben mich so begeistert, wie früher als kleines Kind. Dabei ist es ehrlich schade, dass das nicht für alle galt.

Der Grund dafür ist, dass Abende davor ausgiebig Alkohol konsumiert wurde, ohne jegliche Rücksichtnahme auf Absprachen mit den Lehrkräften. Das resultierte im Endeffekt darin, dass etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Vorstellung im Planetarium verschliefen. Als jemand, der, beziehungsweise die, sich selber als „erfahren in diesem Feld“ bezeichnen würde, kann ich sagen, dass es keinen Unterschied macht, ob du in München oder zu Hause „glücklich wirst“; wenn du nicht auf der Höhe bist oder warst, verpasst du egal wo interessante Erfahrungen und Eindrücke, wobei es hier in München eben Erfahrungen wären, die man so schnell nicht wieder machen könnte.

Danach hatten wir wieder Freizeit, das letzte Mal für die Studienfahrt, was für mich bedeutete, sich noch das Deutsche Museum anzuschauen. Ein wahnsinnig riesiges Gebäude mit so einer Fülle an Exponaten, dass ich sie unmöglich in den etwa drei Stunden meines Besuchs alle hätte ansehen können. Das ging für mich sogar so weit, dass ich mir Gedanken machen musste, welche der Räume ich mir in der Zeit, die bis zum Schluss des Museums blieb, noch unbedingt ansehen wollte. Jeder, der und jede, die sich auch nur annähernd für Naturwissenschaften jeglicher Art interessiert, wird hier voll und ganz auf seine oder ihre Kosten kommen. Aber das war noch nicht das Ende des Tages. Zu allerletzt habe ich mich mit einem alten Freund aus München getroffen, der sich extra für mich die Zeit genommen hat, mir einiges in der Stadt zu zeigen, unter anderem auch einen der besten Döner in der Innenstadt. Ich hatte eigentlich vorgehabt, am letzten Abend in der exklusiven Gastwirtschaft von Schloss Nymphenburg zu essen, aber daraus wurde nichts. Ein guter Döner ist dann doch immer noch reizvoller.

Und damit endete die München-Fahrt.

Naja, so halb. Wenn man mal von der, erneut problemlos ablaufenden, Rückfahrt am Freitagmorgen absieht.

Zusammengefasst muss ich ehrlich sagen, dass München mir sehr viel Spaß gemacht hat und es auch wirklich durch den wahnsinnig gut ausgebauten ÖPNV extrem einfach war, von A nach B zu kommen. Trotz alledem habe ich unser Mannheim und unser Ludwigshafen ehrlich vermisst. Es war ein Gefühl von Freude und Aufregung, als ich damals die Rolltreppe zum Stachus hochgefahren bin, aber es war auch ein Gefühl von Freude und Aufregung, als der ICE aus dem letzten Tunnel südlich von Mannheim schoss und der Victoria-Turm in Sicht kam.

Schön, wieder hier zu sein.

Aber trotzdem.

München, ich komme wieder.

S. I. out.

Weitere Informationen

  • geschrieben von: Mathis Wichert (MSS 12)
  • Fotos: Banner KI-generiert

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